Ist das Kunst oder ein Fleck?
Ist es einfacher Phantastik zu schreiben?

Ist es einfacher Phantastik zu schreiben?

Im dritten und vorerst letzten Artikel dieser Reihe möchte ich das Schreiben in der Phantastik beleuchten. Dafür werde ich Autorinnen zu Wort kommen lassen, die bereits veröffentlicht haben und entsprechend aus der Praxis berichten können. 

Dafür habe ich Katja Jansen, die sowohl in der Fantasy als auch Science-Fiction schreibt, Meike Piechota, die mehrere Subgenres der Fantasy bereits bedient hat, und Johanna Struck, die ebenfalls in der Fantasy zu Hause ist, um Rede und Antwort gebeten. Am Ende des Artikels findet ihr Links rund um ihre Schriftstellerinnen-Tätigkeit.

Zuerst wollte ich wissen, ob sie sich bewusst für die Phantastik als Genre entschieden haben. Und wenn ja, wieso?

Meike:

„Eine bewusste Entscheidung für dieses Genre war es nicht. Es war eher eine intuitive. Das Genre fühlt sich für mich vertraut an. Zum einen, weil ich selbst auch sehr gerne in dem Genre lese. Zum anderen sind eine meiner Inspirationsquellen meine Träume. Da geht es eben nicht immer sehr normal zu.“

Katja:

„Ja, ich habe mich bewusst für die Phantastik entschieden. Dieses Genre zieht mich schon seit meiner Kindheit in seinen Bann. Das Besondere liegt für mich in der Möglichkeit, mit jedem Buch völlig neue Welten und Konzepte zu entdecken. Es verleiht mir den einzigartigen Wow-Effekt, den ich bei anderen Genres eher vermisse. Gleichzeitig bietet die Phantastik, wenn man sich darauf einlässt, eine tiefschichtige Erfahrung: In jeder gelungenen Geschichte werden, trotz der phantastischen Elemente, universelle Werte und existenzielle Fragen behandelt, die durch den Plot oftmals neu beleuchtet werden.“

Johanna:

„Fantastische Welten haben mich schon immer begeistert, zu überlegen, was die Welt noch aufregender, noch packender – noch magischer machen könnte. Eine bewusste Entscheidung war das nicht, aber wenn ich heute zurückschaue, würde ich es genau wieder so machen. Fantasy zu schreiben fordert mich und meine Kreativität auf eine Weise, die mir mittlerweile vertraut ist und mich doch immer wieder aus der Komfortzone lockt. Ich schaue gerne über den Horizont hinaus und das Genre hilft mir dabei.“

Ich finde es sehr spannend zu sehen, wie Schreibende und Lesende zur Phantastik finden. Es gibt nicht den einen Weg. Es ist meist genauso vielfältig wie die Geschichten. 

Nun könnte man auf den Gedanken kommen, dass es relativ leicht ist, in der Phantastik eine Geschichte zu schreiben. Denn man kann durch magische Lösungen, technologische Gerätschaften oder übernatürliche Erscheinungen so manche Erklärung liefern, die bei realistischeren Geschichten vielleicht schwieriger zu finden ist. 

Darum meine zweite Frage an die Autorinnen: Ist es einfacher, in der Phantastik zu schreiben, da dir mehr Freiheiten durch Magie & Co zur Verfügung stehen?

Meike:

„Ich würde sagen, dass es damit das Schreiben schwieriger macht.

Zunächst erwarten die Lesenden des Genres durch die übernatürlichen Möglichkeiten auch kreative Lösungen. Wenn dein Protagonist das Wasser beeinflussen kann, ergeben sich für ihn andere Möglichkeiten, in einen verschlossenen Raum zu gelangen als für einen Menschen ohne diese Fähigkeit. Beim Schreiben muss ich also die Besonderheiten der Welt im Hinterkopf haben und „außerhalb der Box“ denken. Auch wenn es für mich den Reiz an dem Genre ausmacht, ist es herausfordernd.

Zudem muss die Welt, die ich erschaffe, Sinn ergeben. Die Magie benötigt Regeln und Grenzen. Diese muss ich festlegen, bevor ich anfange, mit den Möglichkeiten zu spielen.“

Katja Jansen:

„Die Phantastik bietet vielleicht mehr Möglichkeiten zur Problemlösung als andere Genres – und gerade darin liegt der Reiz! –, doch das Schreiben wird dadurch keineswegs einfacher. Auch eine erfundene Welt muss ihren eigenen Regeln folgen, und kreative Lösungen dürfen niemals aus dem Nichts entstehen. Die wahre Herausforderung besteht darin, fantastische Elemente plausibel in die Welt, die Konflikte und die Charaktere zu integrieren. In der Phantastik sind kreative Ansätze nicht nur erlaubt, sie werden vielmehr erwartet. Dabei sollten sie logisch in die Handlung eingefügt werden und gleichzeitig den emotionalen und thematischen Gehalt der Geschichte vertiefen. Das klingt nicht gerade einfach, oder?“

Johanna Struck:

„Natürlich, gerade weil plastische Fantasy-Welten sich ja bekanntermaßen von alleine bauen und gut gebaute Handlungen mit Drachen viel weniger komplex sind. Spaß beiseite – ich denke, jedes Genre hat seine Vor- und Nachteile. Ich denke schon, dass eine gute Handlung für Kriminal Romane jeglicher Art essentiell ist, aber ich denke auch, dass man für den Weltenbau in Fantasy die Fähigkeit braucht, groß und anders und abstrakt denken zu können. Ich denke anders, wenn ich ein Fantasy-Buch schreibe, als bei Romance, was aber keins besser oder schlechter, einfacher oder schwerer macht.“

Immer wieder habe ich es schon erlebt, dass schmunzelnd auf die Phantastik geschaut wurde, da es fälschlicherweise einfacher wäre, diese zu schreiben. Man kann schließlich alles erfinden, was man braucht. So einfach ist dies aber nicht, wie die Antworten zeigen. Denn auch eine frei erfundene Welt muss in sich logisch aufgebaut sein. Wird Magie eingeführt, ist diese auch in anderen Kontexten wie der Gesellschaft oder Regierungsform zu berücksichtigen. Oder ein anderes Beispiel aus der Science-Fiction: Es wird eine Energiequelle gefunden, mit der Raumschiffe sehr effizient durch das All fliegen können. Würde diese Quelle nicht auch auf der Erde einen Nutzen haben? Was macht dies mit den Machtverhältnissen der Länder? Wird es den Menschen im Allgemeinen besser gehen? Die Fragekette kann beliebig fortgeführt werden. 

Ich möchte Schreibende und Lesende an der Stelle aber nicht verschrecken. Es soll nur gezeigt werden, dass auch die Phantastik anspruchsvoll ist und Platz für die Darstellung von Gesellschaftsproblemen oder Gedankenspiele bietet. Gleichzeitig kann sie sehr unterhaltsam sein und ist mindestens genauso vielfältig wie die Realität.

Damit endet meine kleine Reihe zum Einblick in die Phantastik. Wenn ihr weitere Themenvorschläge habt, könnt ihr diese gerne unter Mailadresse Loge?/Kommentaren? einreichen.

Webseiten und Social Media der Autorinnen:

Katja Jansen: 

https://www.instagram.com/katja.jansen_autorin

Johanna Struck:

https://www.instagram.com/johanna_struck

Meike Piechota:

www.AutorinMeikePiechota.de

www.tiktok.com/@autorin_meike_piechota

www.instagram.com/autorin_meike_piechota

Stephan Berg
Als freier Lektor begleitet Stephan phantastische Autor*innen auf ihrem Weg zur Veröffentlichung. Angefangen von der Ideenfindung, dem Schreibprozess oder der Überarbeitung bietet er individuelle Lösungen an. Mit seinen Kolleginnen spricht er im Podcast “Tintenliebe – wir schreiben Bücher” über den Lektorats-Alltag, Schreibtipps und anderen Schreibenden.